Gefängnisseelsorge

Bis zum Prozess können sich Gefangene neu orientieren - Ein erzählender Bericht über die Gefängnisseelsorge

Frank Baumeister steht vor Gitterstäben, die von der Decke bis zum Boden reichen. Ein Summen zeigt ihm, der Eingang ist jetzt frei. Als die massive Tür hinter ihm ins Schloss fällt, sind es nur noch einige Treppen, vorbei an hallenden Korridoren, dann hat der Pfarrer sein Ziel erreicht. "Kirche" steht an der Tür zum einfachen Raum, der heute als Kapelle dient. Die Andacht ist gut besucht von Männern unterschiedlicher Nationen. Eines haben alle gemeinsam: Sie sind Insassen der Justizvollzugsanstalt Ansbach.

Als der Theologe 1992 mit der Pfarrstelle bei Heilig-Kreuz auch die neue Aufgabe als Gefängnisseelsorger übernahm, war er zuerst einmal "zaghaft und zittrig". Mit welchen Menschen und Problemen würde er konfrontiert werden? Fände er Anerkennung bei den Männern, die er betreut, oder würden sie sagen: Was will der Pope hier im Knast? Baumeister wusste, dass er jetzt viel mit den Schattenseiten des Lebens zu tun haben würde. Denn die Männer, die in der JVA Ansbach auf ihren Prozeß warten, stehen oft unter schwerem Verdacht. Wenn der Staatsanwalt Anklage erhebt, dann nicht selten wegen Mord, Vergewaltigung Kindesmisshandlung oder hohem Steuerbetrug.

"Da komme ich manchmal auch an meine persönlichen Grenzen", bekennt der Theologe, der selbst Vater dreier Kinder ist. Manchmal laufen die Telefondrähte heiß, wenn sich Baumeister bei seinen Profi-Kollegen in Aichach oder Nürnberg Rat holt. Dem Pfarrer hilft aber auch, dass jeder, der in Ansbach einsitzt, noch nicht verurteilt ist. Denn bis zum Urteil gelten die Männer als unschuldig. Entscheidend ist für den Seelsorger die Frage: Was tun wir in Gedanken mit unseren Gefangenen. Sind wir einfach nur froh, dass man sie hinter Schloss und Riegel gebracht hat? Dass sie weggesperrt sind, vermeintlich keine Sexualität mehr haben?

"Mich beschäftigt von Beginn der U-Haft an: Die Gefangenen kommen wieder raus. Deshalb sollten wir die Zeit sinnvoll nutzen". Die Monate bis zur Verhandlung sieht der Seelsorger als Chance für die Inhaftierten, sich neu zu orientieren. Deshalb möchte er ihnen als Gesprächspartner gegenübersitzen, der sie ernst nimmt. Baumeister erlebt die Gefangenen nicht nur als mutmaßliche Täter. "Ich habe mit Menschen zu tun, die in einer Krise sind", meint er. Manche der Männer glauben zu Beginn der Untersuchungshaft, ihre Verhandlung beginne in wenigen Wochen. Doch bis die Ermittlungen abgeschlossen sind, kann ein Jahr vergehen.

Ein Teil der Gefangenen unterhält sich gern mit ihrem Seelsorger. Schließlich ist er ein Gegenüber, das die Mauern ein Stück durchlässiger machen kann mit Berichten von draußen. Die Besuche, die zusätzlich zu den zweimal 30 Minuten im Monat gestattet sind, werden von keinem Beamten überwacht. In Ausnahmen darf auch die Frau des Gefangenen dabei sein. Dann wird ein vertrauliches Gespräch zwischen den Ehepartnern möglich. Oft sind es diese Lebenspartner selbst, die der Theologe quer durch Deutschland betreut. Denn sie stehen ebenfalls vor schwerwiegenden Problemen: Wie sage ich, was geschehen ist, den Kindern? Wie den Nachbarn? Wenn bekannt geworden ist, dass der Mann im Gefängnis ist, stehen die Angehörigen oft "wie nackt da", sagt Baumeister.

Ansprechpartner will er aber nicht nur Gefangene und deren Angehörige sein. "Ich bin für jeden da, der mich hier braucht". Denn auch den Beamten lasten die vielen Probleme auf der Seele, weiß er. In Gottesdiensten, die der Seelsorger zusammen mit seinem katholischen Kollegen plant, bei Gesprächen in Kreisen oder mit einzelnen schlägt mancher Gefangene zum ersten Mal die Bibel auf. Jeder der Inhaftierten erhielt sein persönliches Exemplar geschenkt in einer von dreißig Übersetzungen, welche die Gefängnisbibliothek bereithält. Besonders berührt Baumeister, wenn er eine Bibel in irgendeiner Sprache farbig durchgearbeitet sieht. Zu große Erwartungen dürfe er an seine Arbeit aber nicht stellen, räumt der Seelsorger ein. "Effizienz" könne auch kein Maßstab sein. "Ich freue mich über jeden, der einen neuen Weg findet. Auch wenn es nur einer unter 100 wäre."