Studienreise des Konvents des Dekanats Ansbach nach Prag

Begegnung mit dem Prager Judentum und Oberrabbiner Efraim Sidon - auf den Spuren der "ersten Reformation" - Kirche im säkularen Raum.

Der Konvent der Pfarrerinnen und Pfarrer im Dekanat Ansbach machte im Mai diesen Jahres eine Studienreise nach Prag. Drei Schwerpunkte hatte die Exkursion der Geistlichen: Erstens die Begegnung mit dem Prager Judentum, dann die Wahrnehmung der "ersten Reformation" und schließlich die Information über die aktuelle Lage einer Kirche im atheistischen Umfeld.

Dekan Hans Stiegler und der Oberrabbiner Prags, Efraim Sidon
Dekan Hans Stiegler und der Oberrabbiner Prags, Efraim Sidon

Nach dem obligatorischen Sightseeing am Ankunftstag widmete sich der erste Studientag ganz dem Judentum der berühmten Stadt an der Moldau. Das begann mit dem Besuch des jüdischen Museums, der vier Prager Synagogen und des markanten jüdischen Friedhofes. Die Prager Gemeinde ist auch deshalb in ganz Europa berühmt, weil sich von dort aus der sogenannte Judenstern als Symbol für das Judentum verbreitete. Am Nachmittag traf sich der Konvent mit dem Oberrabbiner der Stadt Prag und Landesrabbiner Tschechiens Efraim Sidon. Mit ihm, einem Intellektuellen des Prager Frühlings und Unterzeichners der Charta 77, gab es ein Gespräch zu dem Thema "Das tschechische Judentum nach der Wende". In dem Gespräch bekamen die Pfarrerschaft einen Einblick in die wechselvolle Geschichte des Prager Judentums und in das schwierige Gemeindeleben unter kommunistischer Herrschaft. "Die Wende 1989 kam für das Prager Judentum fünf vor zwölf", so der Rabbiner, "denn bis dahin war die Gemeinde auf 700 Mitglieder mit einem Durchschnittsalter von 80 Jahren geschrumpft." Seit der Wende stiegen die Zahlen wieder und das Prager Gemeindeleben erblühe langsam. Von einem christlich-jüdischen Dialog hielt der Rabbiner nicht viel: Jeder solle seine eigene Religion pflegen. Zusammenarbeit soll es auf dem Gebiet der Ethik geben; zum Beispiel in gemeinsamen Aktionen gegen die rechten, neonazistischen Gruppierungen. Am späten Nachmittag war der Konvent dann Gast am Institut für Jüdische Studien der Hussitischen Fakultät der Prager Universität. Mit dem Institutsleiter Professor Bedrich Nosek und einigen Studenten diskutierten die Geistlichen zum Thema "Israel und die Kirche". Ein Student des Institutes, der ein Jahr in Israel studiert hatte, wies die Ansbacher Pfarrerschaft darauf hin, dass es ohne einen theologisch-reflektierten Israelbezug der Kirche keine reformatorische Theologie geben könne.


Die Reisegruppe des Dekanatskonvents vor dem Militsch-von-Kremsier-Gemeindezentrum der Kirche der Böhmischen Brüder in der Südstadt von Prag.

Auf dem jüdischen Friedhof 
Auf dem jüdischen Friedhof

Nach dem jüdischen Prag stand in den folgenden zwei Besuchstagen das kirchliche und politische Prag auf der Tagesordnung. Hier entdeckten die mittelfränkischen Geistlichen die Spuren der "ersten Reformation". Noch vor Martin Luther hatte Anfang des 15.Jahrhunderts Johannes Huß (1369-1415) sowohl die Predigt in der Landesprache praktiziert als auch das Abendmahl mit Hostie und Kelch für alle Getauften gefordert. Huß predigte schon vor Luther gegen das päpstliche Ablasswesen und gegen den Aufruf zum Kreuzzug. Diese Aufbrüche der"Böhmischen Reformation" werden sowohl in der erst 1920 gegründeten Hussitischen Kirche als auch in der Kirche der Böhmischen Brüder bewahrt und fortgesetzt. "Und so gibt es das Paradox, dass es in einer atheistischen Gesellschaft drei theologische Fakultäten an der Universität gebe, eine katholische, eine hussitische und die, die der böhmischen Brüder", so Dr. Petr Slama von der Fakultät der Böhmischen Brüder.
Beim Besuch der Kirche, "St. Martin in der Mauer" wurde den evangelischen Geistlichen dann die Errungenschaft der Kommunion in Brot und Wein historisch deutlich, denn in dieser Kirche wurde im Jahre 1414 das erste Abendmahl mit Hostie und Kelch für alle Abendmahlsteilnehmer gefeiert.

Prag bei Nacht
Prag bei Nacht

Einen letzten Programmschwerpunkt bildete das Thema "Kirche im säkularen Umfeld". Hier besuchte die Ansbacher Delegation eine Vorstadtgemeinde im größten Plattenbauviertel Tschechiens. Im neugebauten Militsch-von-Kremsier-Gemeindezentrum informierte der Pfarrer der Böhmischen Brüder, Michal Sourek, die Geistlichen über das schwierige kirchliche Leben in einem entkirchlichten und atheistischen Umfeld. Er nannte unter anderem folgende Zahlen: Zum Einzuggebiet der Kirchengemeinde gehören rund 100 000 Menschen. Sonntags kommen zwischen 30 und 50 Gottesdienstbesucher. Im Jahr finden im Durchschnitt drei Taufen statt. Einen siebenköpfige Pfarrersfamilie müsse mit 800 Euro zurecht kommen. "Das sei mittlerweile auch für Prager Verhältnisse nicht mehr viel", so der Pfarrer. Die Gemeinde verstehe sich als "offene Kirche im atheistischen Kontext". Das bedeutet zum Beispiel, dass der Kirchenraum auch regelmäßig als Konzertraum genutzt wird.
In einem letzten Gespräch am Abfahrtstag gab der Pfarrer der katholischen deutschsprachigen Gemeinde, Anton Otte, einen beeindruckenden Überblick über die Versöhnungsarbeit zwischen Tschechen und Deutschen, die nach 1945 geleistet worden ist.

Der Konvent schloss geistlich auf dem Rückreiseweg mit einem Gottesdienst in der Klosterkirche in Kastl.

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